Modellprojekt: Kinder gestalten aktiv ihre Lebenswelt

Rede der Abgeordneten Andrea Milz

 

Modellprojekt: Kinder gestalten aktiv ihre Lebenswelt

Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen,

 

ist man in irgendeinem Alter zu jung für Demokratie?
Ist man in irgendeinem Alter zu alt für Demokratie?

Nachdem ich mit einigen Kollegen eine Kindertagesstätte in Quickborn besucht habe, in der Kinder aktiv ihre Lebenswelt gestalten, beantworte ich beide Fragen mit Nein.

Dass Beteiligung von Kindern möglich und erfolgreich ist, zeigt das Modellprojekt „Kinderstube der Demokratie“ in Schleswig-Holstein. Durch dieses Modellprojekt gelang es, Partizipation von Kindern zur alltäglichen Selbstverständlichkeit in den Kindergärten werden zu lassen, die beteiligt sind.

Was genau machen diese Kinder da?

Die Kinder in Quickborn sagen ihre Meinung, wählen Delegierte, haben einen Kinderrat, verhandeln und wägen unterschiedliche Interessen ab, streiten, argumentieren, gewinnen und verlieren, setzen sich für sich selbst und für andere ein, lernen, Spielregeln einzuhalten, aber auch zu verändern, gestalten ihren Tagesablauf dort mit, wo dies altersgemäß möglich ist und finden Lösungen für Alltagsprobleme.

Beispiele: Sanduhr; Ausflüge, Einkäufe, Speiseplan…

Hier wird Demokratie nicht erklärt, sie wird durch praktisches Handeln in den Köpfen der Kinder fest verankert – ganz sicher ein guter Weg für die Zukunft unseres demokratischen Gesellschaftssystems!

Liebe Kolleginnen und Kollegen – Sie haben Bedenken? Sie fragen: Geht das denn alles wirklich und wo bleibt der Elternwille?

Sehr richtig: schon Willy Brandt sagte „Die Demokratie darf nicht so weit gehen, dass in der Familie darüber abgestimmt wird, wer der Vater ist“.

Der Kaufvertrag für die neue Küche wird auch in Quickborn nicht von einer Vierjährigen unterschrieben, gesundes Essen als Vorgabe ist nicht verhandelbar und der jährliche Ausflug der Einrichtung kann auch nicht nach einer Abstimmung im Kinderrat ins Disneyland nach Los Angeles führen…

Rahmenbedingungen werden nach wie vor von Eltern und Erzieherinnen festgelegt. Das Ziel, alle Kinder bestmöglich in ihrer Entwicklung zu fördern, steht an erster Stelle. Der Selbstbildung von Kindern durch ihre Beteiligung kommt eine eigene, zusätzliche Bedeutung zu.

Für die Erwachsenen kommt es zu der spannenden und nicht immer 18.12.2010 Balance halten können zwischen Planung und Beteiligung, zwischen Prozess- und Ergebnisorientierung. Sie moderieren Kindergespräche, Konflikte und Beteiligungsverfahren.

Um diese Kompetenzen zu vermitteln, wurden in Schleswig-Holstein im Rahmen des Projektes von 2001 bis 2003 kompakte Fortbildungen mit anschließender Praxisbegleitung in Modelleinrichtungen angeboten; hier kommt es ganz erheblich auf die Kompetenzen der Erzieherinnen und Erzieher an, die für eine solche Entwicklung begeistert und unterstützt wurden.

Das Projekt war so erfolgreich, dass das Familienministerium von 2006 bis 2008 20 Multiplikatoren für Partizipation in Kindertagesstätten ausgebildet hat. Daraus ist eine regelrechte „Beteiligungskultur“ geworden, die ich mir für Nordrhein-Westfalen auch wünsche. Erste Ansätze wird es bald z.B. in Detmold geben, wo örtlicher Partner eine Stiftung ist.

Um auch als Land nicht nur Denkanstöße, sondern auch Geld zu geben, schlagen die Koalitionsfraktionen ein ähnliches Projekt vor, finanziert aus dem Partizipationstopf: Dazu sollen die Landesjugendämter die Ausschreibung vornehmen, die teilnehmenden Einrichtungen auswählen und die fachliche Unterstützung sichern – unterstützt durch externe Fachleute.
Wichtig ist aber auch, dass ein Teil der Mittel den Kindergärten überlassen wird, um die Ideen der Kinder auch umsetzen zu können.

Schon jetzt freue ich mich nicht nur auf neue Erkenntnisse und Möglichkeiten durch das Projekt, sondern auch auf die Diskussion im Fachausschuss.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

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